Die Rainforest Alliance und das Sustainable Agriculture Network (SAN) beziehen Stellung zum Bericht "Süße Frucht, bittere Wahrheit" von Oxfam Deutschland

30. Mai 2016

Frankfurt am Main – Die Rainforest Alliance und das Sustainable Agriculture Network (SAN) nehmen die Anschuldigungen aus dem Report von Oxfam Deutschland, Sweet fruit, bitter truth, sehr ernst. Uns verbinden gemeinsame Ziele – so auch, dass die Organisation Oxfam Menschen mobilisieren möchte, Armut aus eigener Kraft zu überwinden.

Kernthemen wie Umweltschutz, Arbeiterrechte, verbesserte Lebensgrundlagen für Arbeiter, Farmer und Gemeinden, die von der tropischen Landschaft rund um den Globus abhängig sind und von ihr leben, sind das Hauptanliegen der Rainforest Alliance und des Netzwerks für Nachhaltige Landwirtschaft.

Viele der im Report von Oxfam Deutschland erhobenen Anschuldigungen würden gegen kritische Kriterien der neuesten Version des SAN-Standards verstoßen (verabschiedet im September 2015). Können die bereits eingeleiteten Untersuchungen durch das SAN die Anschuldigungen des Oxfam Reports bestätigen, führt dies unmittelbar zur Dezertifizierung der betroffenen Farm oder Farmen.

Die so weit möglich eingeleiteten Ermittlungen konnten die Anschuldigungen durch Oxfam nicht bestätigen. Unsere Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen und dauern an, bis abschließend geklärt ist, ob die von Oxfam veröffentlichen Erkenntnisse zutreffend sind.

Wir laden Oxfam Deutschland dazu ein, mit uns gemeinsam die betreffenden Farmen zu besuchen, um den Zustand der Betriebe im Hinblick auf die Einhaltung des SAN-Standards noch einmal zu überprüfen. Sollten dabei Verstöße gegen den SAN-Standard festgestellt werden, werden alle nötigen Schritte unternommen, um sowohl die Situation auf den Farmen als auch das SAN-/Rainforest-Alliance-Zertifizierungssystem zu verbessern. Wir laden Oxfam Deutschland auch zur Zusammenarbeit ein, um den vorhandenen Diskrepanzen der jeweiligen Untersuchungsergebnisse gemeinsam nachzugehen.

Während wir derzeit – soweit uns Farmen transparent gemacht wurden – im Rahmen von eingeleiteten Ermittlungen den Anschuldigungen von Oxfam Deutschland nachgehen, können wir Oxfams Kommunikation über unsere Arbeit und über die Arbeit von Rainforest Alliance CertifiedTM-Farmen nicht akzeptieren. Wichtig ist auch der Hinweis, dass die Beobachtungen von Oxfam Deutschland auf dem SAN-Standard von 2010, Version 3, basieren. Seit dem 1. Dezember 2015 kommt bei allen Audits die strengere und verbesserte Version 4 zum Einsatz.

„Die Rainforest Alliance hat sich dazu verpflichtet, die Situation der Arbeiter, von Arbeiterrechten und der Arbeitssicherheit global zu verbessern“, sagt Nigel Sizer, Präsident der Rainforest Alliance. „Wir verpflichten uns dazu, so eng wie möglich mit Oxfam Deutschland und anderen Parteien zusammenzuarbeiten und werden unseren Teil dazu beitragen, dass sich die Bedingungen für die Menschen und die Umwelt vor Ort verbessern.“

Andre de Freitas, Executive Director des SAN, sagt: “Das SAN verpflichtet sich dazu, dass der SAN-Standard und der Zertifizierungsprozess inklusive strenger Auditverfahren rund um die Welt gründlich umgesetzt werden. Wir begrüßen die Beteiligung und die Unterstützung aller Stakeholder, inklusive NGOs, Regierungen, Farmer, Arbeiter und Konsumenten, um Lösungen für Probleme zu finden und langfristigen Wandel zu erreichen.“

Hintergrund:

Ende April 2016 stellte uns Oxfam Deutschland eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse ihres Reports zur Verfügung. Das SAN hat umgehend Ermittlungen auf den Farmen eingeleitet, zu denen uns Informationen vorlagen. Die bisher auf zwei Farmen unternommenen Untersuchungen konnten die Anschuldigungen von Oxfam Deutschland (siehe unten) nicht bestätigen.

Oxfam Deutschland stellte uns lediglich eine kurze Zusammenfassung ihrer Ergebnisse zur Verfügung. Die Organisation ermöglichte uns bis wenige Tage vor Veröffentlichung keinen Zugang zum vollständigen Report. Auch wurden wir von Oxfam Deutschland während ihrer Arbeit in Costa Rica und Ecuador nicht kontaktiert. Dies schränkte unsere Möglichkeiten ein, die betreffenden Fälle unverzüglich und umfassend zu untersuchen, wie es in solchen Fällen üblich ist.

Die publizierten Ergebnisse im Report von Oxfam Deutschland basieren auf Interviews mit Arbeitern. Im Gegensatz dazu basieren die Untersuchungen des SAN auf anerkannte ISO Auditsysteme sowie auf einem multiplen Ansatz, der auch bei anderen Zertifizierungsinitiativen innerhalb der ISEAL Alliance (eine Organisation, die die Qualität von Zertifizierungsprogrammen überwacht) zum Einsatz kommt. Beide, die Rainforest Alliance und das SAN, glauben daran, dass dies ein stärkerer Ansatz ist, um Audits und Untersuchungen effektiver und aussagekräftig zu gestalten und Farmen auf Basis des SAN-Standards zu bewerten und kontinuierlich zu verbessern (siehe unten).

Während der vergangen Woche haben wir zusammen mit Oxfam Deutschland die Ergebnisse des Reports – soweit transparent gemacht – diskutiert. Darin haben wir um weitere Fakten zu den Rainforest-Alliance-zertifizierten Farmen gebeten, die Gegenstand ihrer Untersuchungen sind. Wir laden Oxfam Deutschland dazu ein, auch den formalen Weg einzuschlagen und Beschwerden zu Farmen, die ihres Wissens den SAN-Standard verletzen und die wir bisher nicht untersuchen konnten, einzureichen. Der formale Beschwerde-Prozess findet sich hier: http://san.ag/web/inquiries-and-complaints/.

Eines der zugrunde liegenden Prinzipien des SAN-Standards und des Engagements der Rainforest Alliance ist es, an kontinuierlichen Verbesserungen zu arbeiten. Ein Beispiel hierfür ist der seit einigen Jahren laufende Revisionsprozess des SAN-Standards. Der neue SAN-Standard und Zertifizierungsprozess wird im September 2016 veröffentlicht. Der neue SAN-Standard und Zertifizierungsprozess verlangt von Farmern weitreichendere Einhaltungen und wird die Art und Weise der Audits weiter stärken. Zahlreiche Probleme und Herausforderungen, die auf Farmen beobachtet werden und die Arbeiter betreffen, sind systemischer Natur. Sie können nicht schnell und vor allem nicht allein durch Zertifizierungen und Zertifizierungsstandards gelöst werden. Bedeutendere Themen wie die Wahrung von Arbeiter- und vor allem fundamentalen Menschenrechten -- einschließlich nationaler Gesetzgebung, Durchsetzung von Regelwerken vor Ort, Kontrolle und Steuerung in der Umsetzung sowie der Beseitigung von Ungleichgewichten in den Lieferketten -- können nur durch entschlossene Zusammenarbeit zwischen lokalen, nationalen und internationalen Akteuren aus Zivilgesellschaft, privatem Sektor und Regierungen angegangen werden.

Details der Untersuchungen der beiden Rainforest-Alliance-/SAN-zertifzierten Farmen in Costa Rica und Ecuador

Der Ansatz der Untersuchungen des SAN beinhalten drei Elemente:

  1. Die Durchsicht vergangener Audit-Reporte der betreffenden beiden Farmen
  2. Vor-Ort-Audits, inklusive:
    1. Gruppen- und Einzelinterviews mit Arbeitern, die ohne Anwesenheit der Farmleitung oder Vorgesetzten stattfanden
    2. Interviews mit dem Farmmanagement, Durchsicht von Farmdokumenten, Beobachtung der Arbeit auf dem Feld und der Arbeitsbedingungen
    3. Durchsicht von Lohndokumenten, Lohnauszahlungen, Identifikation und rechtlicher Status der Arbeiter, soziale Sicherungsaspekte
    4. Durchsicht von Dokumenten zur Verwendung von Pestiziden; Arbeiter werden zu Sicherheitsaspekten befragt; physische Prüfung der Lagerung und Beobachtungen auf dem Feld
    5. Durchsicht von Risiko-Analysen zu Gesundheits- und Sicherheitsaspekten
  3. Aktenprüfungen mit der lokalen Regierung oder lokalen Stellen der Nationalregierung (z. B. das Arbeitsministerium), wo möglich oder geeignet.

Die Vorwürfe aus dem Report von Oxfam Deutschland beziehen sich auf den Ananasanbau in Costa Rica und den Bananenanbau in Ecuador. Ermittlungen durch Auditoren von SAN-akkreditierte Zertifizierungsstellen wurden in beiden Ländern eingeleitet.

Costa Rica

  • Dem Audit-Team in Costa Rica gehörte ein erfahrener Auditor an, der gelernter Gesundheits- und Sicherheitsexperte sowie Arbeitsrechtler ist. Die Untersuchung konnte die Vorwürfe von Oxfam Deutschland bzgl. Arbeitssicherheit, Löhnen unter dem Mindestlohn und nicht registrierten Arbeitern, nicht bestätigen. Das bestätigte auch das Arbeitsministerium. Alle befragten Arbeiter gaben an, mindestens den Mindestlohn zu erhalten, inklusive Anpassungen nach oben für Stücklohnarbeiter, wo notwendig.
  • Alle kontrollierten Arbeiter haben alle rechtlichen Anforderungen erfüllt, um in Costa Rica arbeiten zu dürfen. Viele gaben an, dass die Farm(en) ihnen half, die rechtlichen Aufenthaltsvorschriften zu erfüllen und/oder Arbeitserlaubnis zu erlangen. Arbeiter gaben an, dass sie Arbeitsverträge unterschrieben hätten. Entsprechende Dokumente lagen auf der Farm vorschriftsmäßig vor.
  • Die Verwendung von verbotenen Pestiziden konnte nicht bestätigt werden, weder in den Nutzungsprotokollen noch im Lager. Interviews und Nutzungsprotokolle zeigen, dass Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wurden, um zu vermeiden, dass sich Arbeiter während der Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln im Feld aufhalten (Arbeitsplanung, farbige Flaggen und Kommunikation mit Vorgesetzten durch Telefone oder Radios, wenn Arbeiter im Feld gesehen werden). Arbeiter gaben an, dass sie die nötigen Schulungen und persönliche Schutzausrüstung erhalten haben. Ihr Wissen zu Sicherheitsaspekten haben sie demonstriert.
  • Arbeiter sagten, dass sie niemand daran hindere, sich einer Vereinigung oder einer sie vertretenden Organisation anzuschließen.
  • Das Audit fand vereinzelte Fälle, in denen die rechtlich zulässige Arbeitswoche von 60 Stunden während der Hauptsaison überschritten wurden. Dies wurde beim letzten jährlichen Audit und bei einer Inspektion des Arbeitsministeriums Anfang 2016 festgestellt. Die betreffenden Farmen treffen Maßnahmen zur Lösung, die vom Arbeitsministerium überprüft werden.

Ecuador

  • Das Audit in Ecuador wurde von einem erfahrenen Auditor mit Unterstützung eines praktizierenden Juristen durchgeführt. Das Audit-Team sichtete Lohnauszahlungen, inklusive Zahlungseingänge, unterschrieben durch die Arbeiter, und befragte Feld- und Verpackungsarbeiter.
  • Die zusammengetragenen Hinweise zeigen, dass Arbeiter mindestens den Mindestlohn und weitere gesetzliche Leistungen erhalten, sowie dass die Arbeitszeiten und Mehrarbeit innerhalb des rechtlichen Rahmens liegen. Arbeiter haben Arbeitsverträge unterschrieben. Die Untersuchung konnte die Vorwürfe von Oxfam Deutschland bzgl. Diskriminierung bei der Lohnauszahlung nicht bestätigen.
  • Die Farm hat ihre Leitlinien zur Vereinigungsfreiheit an einem Ort veröffentlicht, der für alle Arbeiter zugänglich ist. Befragte Arbeiter sagten, dass sie über ihr Recht, sich zu organisieren oder sie vertretenden Vereinigungen beizutreten, Bescheid wissen und dass sie nicht daran gehindert wurden. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Arbeiter aufgrund ihrer Tätigkeiten in einer Vereinigung oder für eine Arbeitnehmerorganisation entlassen wurden.
  • Es gibt ein rechtlich eingetragenes und registriertes Gesundheits- und Sicherheitskomitee, in dem auch Arbeiternehmer repräsentiert sind. Es gibt medizinische Schulungen für Arbeiter, um ihnen die Risiken näher zu bringen, denen sie ausgesetzt sind. Ein Arzt war auf der Farm angestellt (bis zu seinem Weggang im April 2016). Die Farm ist derzeit dabei, diese Stelle neu zu besetzen. Arbeiter müssen für medizinische Leistungen auf der Farm nicht bezahlen.
  • Schwächen wurden im System der Farm entdeckt, wie Arbeiter über das Versprühen bestimmter Mittel aus der Luft benachrichtigt werden. Die Farm ist darüber informiert und arbeitet bereits daran, das Warnhinweissystem zu verbessern.

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