Das Zertifizierungsprogramm der Rainforest Alliance ist eines unserer wichtigsten Tools zur umfassenden Förderung von Nachhaltigkeit. Im Rahmen der Zertifizierung arbeiten wir mit PartnerInnen in verschiedenen Sektoren in 58 Ländern weltweit zusammen, wobei jeder Kontext spezifische Herausforderungen und Chancen im Bereich der Nachhaltigkeit mit sich bringt. Aus diesem Grund wurde der Rainforest-Alliance-Standard 2020 für nachhaltige Landwirtschaft eingeführt, um anpassungsfähig an die spezifischen Gegebenheiten der einzelnen landwirtschaftlichen Betriebe und ZertifikatsinhaberInnen der Lieferkette zu sein.
Um sicherzustellen, dass die an unserem Programm teilnehmenden landwirtschaftlichen Betriebe und Unternehmen die jeweiligen Kriterien erfüllen, setzt die Rainforest Alliance mehrere Sicherungsinstrumente ein. Dazu gehören Audits, ein proaktives Risikomanagement, die Einbeziehung von InteressenvertreterInnen und die kontinuierliche Verbesserung. Gemeinsam stützen diese Sicherungsmechanismen die Glaubwürdigkeit der Zertifizierung als wichtiger Bestandteil der unternehmerischen Sorgfaltspflicht. Die Rainforest Alliance ist ein ISEAL-Kodex-konformes Mitglied und befolgt die ISEAL-Leitlinien für freiwillige Zertifizierungsprogramme sowie deren Glaubwürdigkeitsprinzipien.
Audits: das bekannteste Sicherungsinstrument
Das Siegel der Rainforest Alliance ist ein visuelles Symbol, das VerbraucherInnen dabei hilft, bessere Kaufentscheidungen zu treffen. Es zeichnet ErzeugerInnen und Betriebe aus, die Maßnahmen zugunsten der Nachhaltigkeit ihrer Produkte ergreifen und damit Mensch und Umwelt dienen. Das Siegel steht für unsere Vision von Nachhaltigkeit als kontinuierliche Verbesserung, wobei Transparenz und geteilte Verantwortung uns dabei helfen, eine Welt zu schaffen, in der Mensch und Natur in Harmonie gedeihen.
Landwirtschaftliche Betriebe und Unternehmen, die sich zertifizieren lassen möchten, müssen bestimmte Anforderungen aus den drei Säulen der Nachhaltigkeit – Soziales, Wirtschaft und Ökologie – erfüllen. Unabhängige dritte Zertifizierungsstellen – die für die Integrität eines jeden Zertifizierungsprogramms entscheidend sind – bewerten die landwirtschaftlichen Betriebe anhand der Anforderungen in allen drei Bereichen, bevor sie die Zertifizierung erteilen oder erneuern. Die Zertifizierungen sind jeweils drei Jahre lang gültig. Alle von der Rainforest Alliance zugelassenen Zertifizierungsstellen sind nach ISO17065 akkreditiert und müssen zudem strengen Vorgaben der Rainforest Alliance entsprechen.
Während des dreijährigen Zertifizierungszyklus wird mittels jährlicher Audits die Einhaltung unseres Standards überprüft. Dabei wird auch festgestellt, ob die kontextspezifischen Verbesserungspläne, wie sie zu Beginn des Zertifizierungszyklus im Sinne unseres Ansatzes der kontinuierlichen Verbesserung erstellt werden, umgesetzt werden. Zusätzlich zu diesen regelmäßigen Audits führt jede Zertifizierungsstelle bei 10 Prozent der ZertifikatsinhaberInnen in ihrem Portfolio unangekündigte Audits durch.
Die Zertifizierungsstellen werden mittels regelmäßiger Leistungsaudits vom Überwachungsteam der Rainforest Alliance für Zertifizierungsstellen überwacht und bewertet und erhalten Schulungen zu bewährten Verfahren.
Grenzen der Audits
Unser Zertifizierungsprogramm kann ein strategischer Baustein zur Identifizierung und Bekämpfung der Ursachen systemischer Missstände sein. Zwar sind Audits ein zentrales unterstützendes Element zur Wahrung der Integrität und Glaubwürdigkeit des Programms, jedoch bieten sie nur eine Momentaufnahme der Konformität eines Partners/einer Partnerin. Daher können Audits kein alleiniges Instrument zur Bekämpfung systemischer Probleme sein.
Da Audits periodisch durchgeführt werden, decken sie möglicherweise nicht immer Menschenrechtsverletzungen wie Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Diskriminierung aufgrund des sozialen Geschlechts und Verweigerung der Vereinigungsfreiheit auf, die den Auditoren verborgen bleiben können. In Zertifizierungsprogrammen, in denen auf eine Nulltoleranzpolitik gesetzt wird, werden Missstände gar so weit ins Verborgene getrieben, dass sie im Rahmen von Audits nur schwer aufgedeckt werden können. Aus diesem Grund arbeitet das Zertifizierungsprogramm der Rainforest Alliance mit einem Assess-and-address-Ansatz, der landwirtschaftliche Betriebe bei der Entwicklung von Trackingsystemen zur Prävention, Identifizierung, Überwachung und Behebung von zentralen Missständen im Bereich der Menschenrechte unterstützt. Die Umsetzung dieses Assess-and-Address-Systems ist eine Kernanforderung unseres Betriebsstandards, was bedeutet, dass eine Zertifizierung nicht erreicht werden kann, solange diese Anforderung nicht erfüllt ist.
Nichtkonformitäten
Wird bei den jährlichen Audits festgestellt, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb eine oder mehrere der im Betriebsstandard festgelegten Anforderungen nicht erfüllt, werden für diesen Betrieb eine oder mehrere Nichtkonformitäten erfasst. Zur Behebung von im Auditzyklus festgestellten Nichtkonformitäten müssen die ZertifikatsinhaberInnen eine Ursachenanalyse zu den Nichtkonformitäten durchführen und einen Plan zur Beseitigung der Missstände erstellen und umsetzen. Dabei muss sichergestellt werden, dass bereits entstandener Schaden behoben und die Ursachen bekämpft werden.
Werden die Nichtkonformitäten nicht innerhalb der von uns vorgegebenen Fristen behoben, kann die Rainforest Alliance-Zertifizierung des betreffenden Betriebs ausgesetzt werden. Eine Aussetzung, die bis zu drei Monate andauern kann, bedeutet, dass der betreffende landwirtschaftliche Betrieb seine Erträge nicht als zertifizierte Produkte verkaufen darf. Mit einer zeitlich begrenzten Aussetzung erhalten die landwirtschaftlichen Betriebe die Möglichkeit, Verbesserungen vorzunehmen. Dabei werden sie oftmals von der Rainforest Alliance und anderen Beteiligten unterstützt.
Manchmal wird die Zertifizierung entzogen, etwa, wenn das körperliche und/oder seelische Wohlergehen oder die Integrität von ArbeiterInnen schwerwiegend und langfristig beeinträchtigt ist, oder in Fällen systemischer und/oder andauernder Missstände, der Nichtumsetzung von Plänen zur Behebung von Missständen oder bei vorsätzlichen Verstößen. Mit dem Entzug der Zertifizierung nimmt der oder die betreffende ZertifikatsinhaberIn nicht mehr am Programm teil. Um ihre Zertifizierung wiederzuerlangen, müssen sie nach einer Sperrfrist von mindestens sechs Monaten einen neuen Zertifizierungsantrag stellen und den Auditzyklus erneut von Beginn an durchlaufen.
Proaktives Risikomanagement
Audits sind ein wichtiges Element unseres Sicherungssystems. Unser Zertifizierungsprogramm setzt jedoch statt auf die Reaktion auf Missstände vor allem auf die Identifizierung und Minimierung von Nachhaltigkeitsrisiken. Grundlage des Sicherungssystems sind Risikoanalysen auf Ebene der landwirtschaftlichen Betriebe und der Lieferkette. Diese werden verwendet, um die relevanten Anforderungen für jede(n) FarmerIn oder jedes Unternehmen zu identifizieren. Während des Zertifizierungszyklus werden zudem regelmäßig Daten erhoben. Auf diese Weise möchten wir den Mitgliedern unseres Programms die richtigen Tools zur Bewertung der für sie relevanten Nachhaltigkeitsrisiken an die Hand geben und unseren unabhängigen Zertifizierungsstellen die Möglichkeit geben, sich ganz auf ihre Audits zu konzentrieren.
So haben wir etwa Risikokarten für einige der häufigsten Missstände – Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Entwaldung – eingeführt. Durch die Kombination externer Datenquellen mit Input wie etwa Standortdaten, Daten der Rainforest Alliance, branchenspezifischen Daten sowie Expertenmeinungen von Themenleads ermitteln diese Karten das Risikoniveau von Ländern, Organisationen und landwirtschaftlichen Betrieben (bzw. Betriebseinheiten) zu wichtigen Nachhaltigkeitsthemen. Die Sicherungsanforderungen an Orten mit hohem Risiko sind strenger als jene an Orten mit geringem Risiko.
Einbeziehung von InteressenvertreterInnen
Unser Zertifizierungsprogramm basiert auf kontinuierlicher Verbesserung und der Stärke gemeinsamen Vorgehens. Unser System fördert die Zusammenarbeit mit anderen wichtigen, potenziell einflussreichen InteressenvertreterInnen mit Blick auf die Ermittlung möglicher Verbesserungen, die Unterstützung bei der Bekämpfung von Ursachen und die Verbesserung der Bedingungen vor Ort.
Der Standard der Rainforest Alliance wirbt für die Einbeziehung verschiedener InteressenvertreterInnen bei der Prävention und Beseitigung schwerwiegender Menschenrechtsverstöße und ökologischer Missstände. Oftmals beinhaltet dies die Zusammenarbeit mit InteressenvertreterInnen wie lokalen Regierungen, Sozialdiensten, NGOs und Schulen.
Darüber hinaus ermöglichen unsere funktionalen Beschwerdemechanismen, dass InteressenvertreterInnen Beschwerden einreichen können und dass mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen oder ökologische Missstände möglichst unmittelbar – im landwirtschaftlichen Betrieb oder in der zertifizierten Betriebsstätte – festgestellt und behoben werden. Auch Zertifizierungsstellen müssen über einen Beschwerdemechanismus verfügen und die ErzeugerInnen und ArbeiterInnen im Rahmen der Audits darüber informieren. Die Rainforest Alliance nimmt Beschwerden, die über diese Beschwerdemechanismen eingereicht werden, sehr ernst. Beschwerden können auch über die Website der Rainforest Alliance eingereicht werden. Allen Beschwerden wird nachgegangen.
Auch die ArbeiterInnen und Arbeitsorganisationen spielen eine wichtige Rolle in unseren Sicherungsverfahren. So bietet unser Auditsystem etwa die Möglichkeit, ArbeiterInnen abseits ihrer Arbeitsstätte zu befragen und dadurch ehrlichere Antworten zu erhalten. Das System erkennt zudem die wichtige Rolle an, die Arbeitnehmerorganisationen und -vertretungen (zum Beispiel Gewerkschaften) bei der Arbeit für nachhaltige Landwirtschaft und gute Arbeitsbedingungen spielen. Wir intensivieren unsere Zusammenarbeit mit Gewerkschaften, indem wir Schulungen darüber anbieten, wie unsere Beschwerdemechanismen genutzt werden können. Wir nutzen auch informelle Beschwerden als wichtiges Hilfsmittel, um Unregelmäßigkeiten bei der Einhaltung von Vorschriften festzustellen.
Die Zertifizierung kann entscheidend zur Bekämpfung der tief verwurzelten Herausforderungen in der Landwirtschaft beitragen, sofern sie mit wirksamen Verwaltungsstrukturen vor Ort, einem effektiven sozialen Dialog, Handeln und gebührender Sorgfalt seitens der Unternehmen einhergeht. Nur durch Bündnisse wie diese können drängende Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit, darunter etwa solche im Zusammenhang mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und mit Blick auf Arbeitsbedingungen und Menschenrechte, wirksam angegangen werden.
Darüber hinaus bemühen wir uns um die Veränderung der langfristigen strukturellen Bedingungen, die diesen Herausforderungen zugrunde liegen. Diese Interessen vertreten wir lokal, regional und international auf politischer Ebene. Wir arbeiten außerdem mit Unternehmen zusammen, um für die Übernahme geteilter Verantwortung für die Produktionskosten der von uns zertifizierten Rohstoffe zu werben.
Unternehmerische Sorgfaltspflicht
In einigen Jahren werden die meisten Unternehmen in der Europäischen Union (EU) zu dem Nachweis verpflichtet sein, dass sie ihrer Sorgfaltspflicht im Bereich der Menschenrechte und des Umweltschutzes über die gesamte Lieferkette hinweg nachkommen. Für viele Unternehmen in Deutschland gilt diese Pflicht aufgrund des dort im Januar 2023 in Kraft getretenen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes schon heute. Auch für Unternehmen, die Waren und Dienstleistungen in Norwegen verkaufen, gilt nach dem norwegischen Transparenzgesetz seit Juli 2022 eine entsprechende Pflicht.
Die Zertifizierung der Rainforest Alliance ist ein wichtiges Tool, um Unternehmen dabei zu unterstützen, diese Anforderungen auf Ebene der landwirtschaftlichen Betriebe zu erfüllen. Nähere Informationen dazu, wie Unternehmen die Erfüllung ihrer Sorgfaltspflichten in den Bereichen Menschenrechte und Umweltschutz nachweisen können, erhalten Sie hier.




